DJANGOS LIED

Eine Sinti-Jugend in Deutschland

 

Erstausstrahlung am 26.03.2008 / ARD

„Wenn ihr Sprengstoff mitbringt, komme ich auch nach Thüringen!“ sagt Janko. Es ist die spontane Reaktion des 31jährigen, als er gebeten wird, noch einmal das Kinderheim für Schwererziehbare zu besuchen. Janko will seine Furcht überspielen mit dem derben Spruch vom Sprengstoff. Vor zwanzig Jahren am 18.11.1987 verfügt ein DDR-Jugendhilfeausschuss die Einlieferung des damals elfjährigen Jungen aus Ostberlin ins Spezialkinderheim nach Bad Langensalza. Isolationsstrategie zur Umerziehung, heißt es in der Begründung. Janko Lauenberger, der Sintu-Junge, wird in der Schule beschimpft: „Saujude, Türke, Zigeuner, Kameltreiber, Kanake“ – sagt ein Mitschüler zu ihm. „Soll ich dir zeigen, wie damals Zigeuner vergast wurden?“, fügt er hinzu und zerrt Janko im Schwitzkasten unter einen Wasserhahn im Chemielabor. Nicht der Mitschüler wird für den Vorfall bestraft, sondern Janko. „Janko stört den Unterricht“, heißt es in den Akten der Staatssicherheit. Davon liest der junge Mann heute erstmals in die Behörde. Die Eltern können 1988 die Einweisung in das Heim nicht verhindern. Später helfen Freunde. Der Autor Reimar Gilsenbach droht die Geschichte des Sintu-Jungen zu veröffentlichen. Ein Brief seiner Frau Hannelore an die Volksbildungsministerin Margot Honecker zeigt Wirkung: Janko darf zurück zu seiner Familie. Spätsommer 2007. Janko fährt noch einmal ins damalige Heim für Schwererziehbare nach Bad Langensalza. „Das ist das schwärzeste Kapitel meines Lebens“, sagt er. Ihm ist es unangenehm, wenn er darüber spricht, doch er redet. Eigentlich sollte Janko Django heißen. Seine Eltern Lotte und Hans Lauenberger wollen ihm den Namen des großen Sinti-Swing-Gitarristen Django Reinhard geben. Doch diesen Vornamen gibt es im Namensbuch der DDR nicht. Also nimmt man, was so ähnlich klingt – Janko. Gitarre spielt er trotzdem, in der Band des Vaters und des Onkels, bei „Sinti-Swing“. Ende der 80er Jahre eine Kultband in der DDR. Wohl auch die einzig öffentliche Wahrnehmung von Sinti im Osten Deutschlands. Jankos Familiengeschichte gleicht der aller deutschen Sinti und Roma Familien. Opa „Seemann“ kommt allein mit seiner Mutter aus dem KZ. Seine zwölf Geschwister werden im Lager ermordet. „Ich habe meinen Opa als gebrochenen, alten Mann erlebt“, sagt Janko. „Ich hätte ihn aber auch gern mal glücklich erlebt!“ Die Evangelische Verheißungskirchengemeinde Neuenhagen bei Berlin engagiert sich schon zu DDR-Zeiten für die ethnische Minderheit. Ganz in der Nähe – in Berlin Marzahn - befindet sich ein Gedenkstein für die von den Hitlerfaschisten ermordeten Sinti und Roma. Es ist der Ort, an dem die Nazis 1936 einen Sammelplatz einrichten, um zu den Olympischen Spielen die Stadt „Zigeunerfrei“ zu machen. Dieses Zwangslager der Sinti und Roma ist später der Ausgangspunkt zur Deportation Tausender in die Vernichtungslager des NS-Regimes.  Pfarrer Peter Leu ist sich auch heute noch seiner Verantwortung als Christ bewusst. Er berichtet davon, dass deutsche Christen zugeschaut haben, als Tausende Sinti und Roma deportiert wurden und zu Tode kamen. Pfarrer Leu widersteht schon in der DDR gängigen Klischees, bietet den verbliebenen Familien einen Schutzraum. Im Sozialismus sind Sinti und Roma „Zigeuner“. Viele werden nach dem sogenannten Assiparagraphen - § 249 „Gefährdung der öffentlichen Ordnung“ - verurteilt. Der abfällige Spruch, „Wie die Zigeuner“ ist allgegenwärtig - auch in der DDR. Rassistischer Umgang mit Sinti und Roma - nicht staatlich verordnet, aber über Generationen hinweg weiter gegeben. Der Film stellt Janko Lauenberger vor. Ein Musiker, dessen Gitarrenspiel hilft, als er unverhofft in der Nacht auf Neonazis in Berlin-Marzahn trifft. Es ist die Geschichte über einen Sintu-Jungen, der trotz vieler schlimmer Erfahrungen viele tolle deutsche Freunde hat. Ein junger Mann, der gern in seiner Stadt – in Berlin – zuhause ist. Auch seine Eltern, Geschwister, Tanten und Onkels, werden vorgestellt. Lotte, die Mutter und Vater Hans, deren Ausreiseantrag damals abgelehnt wird und die erst nach der Wende wieder Kontakt zu all den Verwandten im Westteil Deutschlands haben. Im Herbst 2007 trifft sich die ganze Familie, die „Sippe“ im Garten der Kirchgemeinde von Neuenhagen zu einem Fest. Dieses Treffen, zu dem auch die deutschen Freunde willkommen sind, ist der filmische Höhepunkt, einer großartigen Familiengeschichte.

Der Film ist eine Produktion von armadaFILM im Auftrag des MDR-Fernsehens.

CREDITS

Autor: ANDREAS KUNO RICHTER, Kamera: TOM FRANKE, Aufnahmeleitung: JEANNETTE BATZ, Ton: TANJA WEILE / MARCO OGRZEWALLA, Schnitt: STEPHAN MARCHE, Musik: SINTI SWING BERLIN / OLVER JAHN, Sprecher: DOMINIQUE HORWITZ, Tonmischung: SVEN PIESKER, Redaktion MDR: SASKIA BARTHEL, Produktion MDR: ECKHARD GROSCH, Regie & Produktion: TOM FRANKE

Rezension der Berliner Zeitung

2008