SCHRÄG, FROMM UND FREI

Die Kommunarden von Hartroda

 

Erstausstrahlung am 13.09.2009 / ARD

Matthias Vernaldi ist von Geburt an Muskelschwund erkrankt und auf den Rollstuhl angewiesen. 1978 gründen er und nicht behinderte Freunde eine Landkommune im thüringischen Hartroda. Kennen gelernt haben sie sich in einer sozialdiakonischen Einrichtung. Nach Beendigung der 10. Klasse standen für die Behinderten zwei Alternativen – zurück ins Elternhaus oder in ein Altenheim. Beides wollen sie nicht. Sie wollen frei und selbst bestimmt leben. So entsteht die Idee einer christlichen Bruderschaft. Die evangelische Kirche unterstützt diese Idee und stellt das verlassene Pfarrgehöft in Hartroda zur Verfügung. In der Ostthüringer Agrarsteppe finden sie hier einen Ort, den sie mit ihren Ideen füllen können. Sie wollen wirklich fromm leben. Doch die Lebensrealität ist stärker. Hartroda entwickelt sich von einer Hippie- zur Punk-Kommune. Die Kommunarden engagieren sich in der Umwelt- und Friedensbewegung. Matthias Vernaldi lebt heute in Berlin. Der Film begleitet ihn in die Vergangenheit. Diese Vergangenheit findet sich in der MfS-Akte „Parasit“ minutiös wieder. Die Staatssicherheit bezeichnet die jungen Leute als „Ausputzertruppe“, denen man lieber „ein Ende mit Schrecken“ als ein „Schrecken ohne Ende“ bereiten sollte. Zwei Oberkirchenräte und der Hausarzt der Kommune waren Zuträger der Staatssicherheit. Aber auch der Mitbewohner Bertram, ein Freund. Doch er hält es nicht lange aus  und offenbart sich Matthias Vernaldi noch vor 1989. Auch die Schwestern Maria, ebenfalls an Muskelschwund erkrankt, und Claudia ziehen in den 80er Jahren nach Hartroda. Die Eltern unterstützen die Freiheitssuche der Kinder. Ihr tiefer christlicher Glauben lässt sie einen Umgang mit Existenzängsten finden. Claudias Familie lebt heute auf dem eigenen  Bauernhof in Mecklenburg. Schon in Hartroda bewirtschaftete sie den Hof und trug so zur Versorgung der Kommune bei. Das Lebensmodell Hartroda basierte auf gemeinschaftlichem Eigentum. Die Renten der Behinderten finanzierten die nicht behinderten Pfleger mit. Die Kommunarden von Hartroda waren „Schräg, Fromm & Frei“. Ihr Lebensentwurf, geprägt vom christlichen Glauben, gab den Beteiligten Lebenskraft. In der geistigen Enge der DDR bedeutete das viel, einen Freiraum für selbst bestimmtes Leben.

Der Film ist eine Produktion von armadaFILM im Auftrag des Rundfunk Berlin-Brandenburg und des MDR-Fernsehens.

CREDITS

Autorin: MARION SCHLÜTER-MITIRI, Kamera und Schnitt: TOM FRANKE, Ton: TANJA WEILE, Sprecherin: FRANZISKA PIGULLA, Tonmischung: MATTHIAS MÜLLER, Musik: LOS BANDITOS, Archivfotos: MONIKA SCHULZ-FIEGUTH, 8mm-Archiv: THOMAS "KAKTUS" GRUND, Produktionsleitung rbb: CHRISTIANE SEIFART, Redaktion: FRIEDERIKE SITTLER / MANFRED SUTTINGER (rbb) / SASKIA BARTHEL (MDR), Regie & Produktion: TOM FRANKE

2009